Selbstgesteuertes Lernen

Infografik: Selbstgesteuertes Lernen – Mitarbeitende planen eigenständig ihre Kompetenzentwicklung
Definition

Selbstgesteuertes Lernen bezeichnet einen Ansatz, bei dem Lernende ihren Lernprozess eigenständig planen, steuern und reflektieren – als Gegenentwurf zur rein instruktionsbasierten Weiterbildung.

Das World Economic Forum prognostiziert, dass sich bis 2027 rund 40 Prozent der Kernkompetenzen in Berufen grundlegend verändern werden. Das Tempo dieser Veränderung übertrifft längst das, was mit jährlichen Pflichtschulungen und standardisierten Trainingsprogrammen aufgefangen werden kann. Unternehmen, die dauerhaft anpassungsfähig bleiben wollen, kommen an einem anderen Lernmodell nicht vorbei: dem selbstgesteuerten Lernen.

Als selbstgesteuertes Lernen bezeichnet man einen Ansatz, bei dem Lernende selbst bestimmen, was, wann und wie sie lernen. Sie identifizieren eigene Lernbedarfe, wählen Ressourcen, steuern ihr Tempo und reflektieren ihren Fortschritt. Im Unternehmenskontext bedeutet das: Mitarbeitende sind nicht nur Teilnehmende vorgegebener Schulungsprogramme, sondern aktive Gestalter ihrer eigenen Kompetenzentwicklung.

Selbstgesteuertes, selbstorganisiertes und selbstreguliertes Lernen: Was ist der Unterschied?

Die Begriffe werden in der Literatur und in der betrieblichen Praxis oft austauschbar verwendet, bezeichnen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Selbstgesteuertes Lernen (engl. self-directed learning) betont die Steuerungskompetenz: Wer legt die Lernziele fest? Wer wählt die Methoden? Der Begriff geht auf den Erwachsenenbildner Malcolm Knowles zurück, der in seiner Theorie der Andragogik (1975) beschrieb, dass Erwachsene dann am effektivsten lernen, wenn sie aktiv Kontrolle über ihren Lernprozess haben.

Selbstreguliertes Lernen – geprägt durch den Psychologen Barry Zimmerman (1989) – beschreibt den inneren Regulationsprozess: Wie steuern Lernende ihre Aufmerksamkeit, Motivation und Lernstrategien? Zimmerman unterscheidet drei Phasen: Vorausplanung (Ziele setzen, Ressourcen planen), Durchführung (Monitoring, Anpassung) und Selbstreflexion (Bewertung des Ergebnisses). Dieser Zyklus wiederholt sich iterativ.

Selbstorganisiertes Lernen legt den Fokus auf die organisatorische Seite: Wer entscheidet über Zeitpunkt, Lernort und Format? Im Unternehmenskontext ist das relevant, wenn Mitarbeitende Lernen selbst in ihren Arbeitsalltag integrieren – ohne festen Schulungstermin.

Selbstgesteuertes Lernen im Unternehmenskontext: Zahlen und Einordnung

Laut dem LinkedIn Workplace Learning Report 2024 geben 89 Prozent der L&D-Verantwortlichen an, dass sie aktiv eine Lernkultur in ihrem Unternehmen entwickeln – dennoch berichten viele von strukturellen Hindernissen wie fehlender Lernzeit und mangelnder Führungsunterstützung. Gleichzeitig zeigt das WEF Future of Jobs Report 2023, dass sich bis 2027 rund 40 Prozent der Kernkompetenzen verändern werden – eine Geschwindigkeit, die rein instruktionsbasierte Lernformate nicht mithalten können.

Der Bedarf ist unbestritten, die Umsetzung bleibt eine Herausforderung: Selbstgesteuertes Lernen funktioniert nicht automatisch, wenn man Mitarbeitenden einfach Zugang zu einer Lernplattform gibt. Es setzt voraus, dass sie die Kompetenz zur Selbststeuerung bereits mitbringen – oder aktiv entwickeln.

Voraussetzungen: Wann gelingt selbstgesteuertes Lernen?

Nicht alle Mitarbeitenden lernen gleich gut selbstgesteuert. Forschung von Barry Zimmerman zeigt, dass erfolgreiche Selbstlerner bestimmte Bedingungen erfüllen: Sie haben klare Lernziele, können ihren eigenen Fortschritt realistisch einschätzen (Metakognition) und vertrauen darauf, dass ihre Lernbemühungen tatsächlich etwas verändern (Selbstwirksamkeit).

Im Unternehmenskontext bedeutet das: Die Organisation muss diese Voraussetzungen aktiv schaffen. Eine Skill-Gap-Analyse hilft Mitarbeitenden, konkrete Lernbedarfe zu identifizieren und damit die erste Hürde der Selbststeuerung zu überwinden. Führungskräfte, die Entwicklungsziele im Entwicklungsgespräch gemeinsam definieren, geben die Orientierung, die Selbstlerner brauchen.

Warum scheitert selbstgesteuertes Lernen in der Praxis?

Fehlende Lernzeit ist das häufigste strukturelle Hindernis. Mitarbeitende ohne geschützte Lernzeit priorisieren operatives Tagesgeschäft immer vorrangig – strategische Kompetenzentwicklung bleibt liegen. Selbstgesteuertes Lernen braucht Zeit: Diese muss von Unternehmen aktiv bereitgestellt werden, nicht nur formal erlaubt sein.

Zu viele Optionen ohne Orientierung produzieren das Gegenteil von Selbststeuerung. Wenn Mitarbeitende einer Lernplattform mit Tausenden von Kursen gegenüberstehen und keine Hinweise bekommen, was davon für ihre Rolle relevant ist, reagieren die meisten mit Passivität. Selbstgesteuertes Lernen braucht nicht maximale Freiheit, sondern Freiheit innerhalb eines sinnvollen Rahmens.

Mangelnde Lernkompetenz wird häufig unterschätzt. Wer schulisch vor allem mit passivem Zuhören sozialisiert wurde, hat selten die Metakompetenz entwickelt, den eigenen Lernprozess zu steuern. Diese Fähigkeit muss gezielt aufgebaut werden – sie entsteht nicht durch die Bereitstellung von Lernmaterial allein.

Folgen für Unternehmen ohne Selbstlernkultur

Unternehmen, die ausschließlich auf instruktionsbasierte Trainings setzen, entwickeln eine strukturelle Abhängigkeit: Mitarbeitende lernen nur dann, wenn ein Kurs angeboten wird. Das macht die Organisation langsam und wenig anpassungsfähig. Entsteht ein neuer Skill Gap, dauert es Monate, bis ein Schulungsangebot aufgebaut ist – Zeit, die in sich wandelnden Märkten fehlt.

Gleichzeitig sinkt die Attraktivität als Arbeitgeber: Laut LinkedIn Learning Report würden 94 Prozent der Mitarbeitenden länger in einem Unternehmen bleiben, das in ihre Entwicklung investiert. Selbstgesteuerte Lernmöglichkeiten zählen heute zu den relevantesten Entwicklungsangeboten überhaupt.

Maßnahmen: Selbstgesteuertes Lernen im Unternehmen fördern

Selbstgesteuertes Lernen entsteht durch eine Lernkultur, nicht durch die Installation einer Plattform. Die wirksamsten Hebel in der betrieblichen Praxis:

  • Lernzeit strukturell verankern: Wöchentliche Lernzeiten oder geschützte Entwicklungsbudgets machen Lernen zur Normalität – nicht zur Ausnahme, die immer wieder neu verhandelt werden muss.
  • Individuelle Lernpfade statt Einheitskurse: Ein Learning Management System ermöglicht personalisierte Lernpfade auf Basis von Rollenprofilen und Kompetenzlücken – Mitarbeitende erhalten Orientierung, ohne die Steuerung aus der Hand zu geben.
  • Upskilling und Reskilling als strategischer Rahmen: Wenn Mitarbeitende verstehen, wohin das Unternehmen sich entwickelt und welche Kompetenzen dafür gebraucht werden, gewinnt selbstgesteuertes Lernen Richtung.
  • Führungskräfte als Lernbegleiter: Manager, die regelmäßig über Lernfortschritte sprechen und Lernziele in Entwicklungsgespräche integrieren, erhöhen die Verbindlichkeit selbstgesteuerten Lernens nachweisbar.
  • Social Learning integrieren: Peer-Austausch, interne Lerngemeinschaften und kollegiale Fallberatungen ergänzen selbstgesteuertes Lernen – Menschen lernen effektiver, wenn sie ihren Lernprozess mit anderen teilen können.

Häufige Fragen zum selbstgesteuerten Lernen

Was bedeutet selbstgesteuertes Lernen?
Selbstgesteuertes Lernen bezeichnet einen Ansatz, bei dem Lernende ihren Lernprozess eigenständig planen, durchführen und reflektieren. Sie bestimmen selbst, was, wann und wie sie lernen – im Gegensatz zum instruktionsbasierten Lernen, bei dem Inhalte, Tempo und Format von außen vorgegeben werden.

Was ist der Unterschied zwischen selbstgesteuertem und selbstreguliertem Lernen?
Selbstgesteuertes Lernen (nach Malcolm Knowles) betont die äußere Steuerung: Wer entscheidet über Ziele, Ressourcen und Format? Selbstreguliertes Lernen (nach Barry Zimmerman) beschreibt die innere Regulation: Wie steuern Lernende ihre Aufmerksamkeit, Motivation und Strategien? Im betrieblichen Kontext werden beide Begriffe meist synonym verwendet.

Warum ist selbstgesteuertes Lernen im Unternehmen wichtig?
Standardisierte Schulungsprogramme können das Tempo des Kompetenzwandels nicht mithalten. Das WEF schätzt, dass sich bis 2027 rund 40 Prozent der Kernkompetenzen verändern. Selbstgesteuertes Lernen ermöglicht Mitarbeitenden, agil auf neue Anforderungen zu reagieren – ohne auf zentral gesteuerte Trainingszyklen warten zu müssen.

Was brauchen Mitarbeitende, um selbstgesteuert lernen zu können?
Drei Dinge: Klarheit über Lernziele (was soll ich entwickeln?), Zugang zu geeigneten Lernressourcen und geschützte Zeit. Zusätzlich helfen Metakognition und Selbstwirksamkeitsüberzeugung – das Vertrauen, dass Lernen tatsächlich etwas verändert.

Wie unterstützt ein LMS selbstgesteuertes Lernen?
Ein Learning Management System stellt kuratierte Lernpfade bereit, macht Fortschritte sichtbar und ermöglicht individualisierte Empfehlungen auf Basis von Rollenprofilen und Kompetenzlücken. Es gibt Mitarbeitenden Orientierung, ohne ihnen die Kontrolle zu nehmen – was die Kernbedingung für selbstgesteuertes Lernen ist.

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