Bedarfsanalyse: Definition, Methoden und Prozess

Definition

Eine Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung identifiziert systematisch, welche Kompetenzen Mitarbeitende haben und welche sie für Unternehmensziele benötigen – als Grundlage für gezielte Weiterbildungsmaßnahmen statt Schulungen nach Bauchgefühl.

Eine Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung ist der systematische Prozess, um festzustellen, welche Kompetenzen Mitarbeitende heute haben und welche sie für die Erreichung der Unternehmensziele künftig benötigen. Auf Basis dieser Lückenanalyse werden gezielte Weiterbildungsmaßnahmen geplant – statt Schulungen nach Bauchgefühl zu buchen.

Das Problem: Laut TÜV Weiterbildungsstudie 2024 investieren deutsche Unternehmen durchschnittlich 1.000 Euro pro Mitarbeitenden und Jahr in Weiterbildung – doch 68 Prozent tun das ohne eine Weiterbildungsstrategie. Eine Studie des eLearning Journals und GoodHabitz (2024, 535 DACH-Unternehmen) zeigt, dass nur 3,2 Prozent der Unternehmen den ROI ihrer Weiterbildungsmaßnahmen vollständig erfassen. Der häufigste Grund ist kein Mangel an Absicht, sondern ein fehlender Startpunkt: die Bedarfsanalyse.

Bedarfsanalyse, Bildungsbedarfsanalyse, Schulungsbedarfsanalyse – was ist der Unterschied?

Die drei Begriffe werden in der Personalentwicklung teils synonym, teils unterschiedlich verwendet. Die Bedarfsanalyse ist der übergeordnete Prozess: Sie erfasst, welche Kompetenzen, Rollen und Ressourcen ein Unternehmen mittel- und langfristig benötigt – und stellt diese dem aktuellen Ist-Stand gegenüber.

Die Bildungsbedarfsanalyse (Training Needs Analysis, TNA) fokussiert auf Lern- und Qualifizierungsmaßnahmen: Welche Wissenslücken müssen durch Schulungen, Kurse oder Coachings geschlossen werden? Die Schulungsbedarfsanalyse ist ein engerer Teilbereich und beschränkt sich auf konkrete Trainingsformate – etwa die Frage, ob ein bestimmtes Team eine Schulung zu einem neuen Tool braucht. Für L&D-Verantwortliche ist die Bildungsbedarfsanalyse das häufigste Instrument im Alltag. Im weiteren Verlauf werden alle drei Begriffe zusammen als Bedarfsanalyse behandelt.

Warum 68 Prozent der Weiterbildungsbudgets wenig bewirken

Das Budget ist da – die Wirkung bleibt aus. Laut TÜV Weiterbildungsstudie 2024 fehlt 68 Prozent der deutschen Unternehmen eine Weiterbildungsstrategie. Die Masterplan-Studie 2024 ergänzt: Jede zweite Führungskraft gibt an, dass Mitarbeitende im eigenen Unternehmen nur schlecht oder mittelmäßig auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet sind – obwohl das Weiterbildungsbudget in 59 Prozent der Unternehmen stagniert statt zu wachsen.

Der Grund liegt fast immer am Anfang des Prozesses: Wenn der tatsächliche Kompetenzstand der Belegschaft nicht erhoben wird, orientieren sich Weiterbildungsangebote an Annahmen, Gewohnheiten oder dem Angebot der Schulungsdienstleister – nicht am echten Bedarf. Eine Bedarfsanalyse verschiebt die Frage von "Was können wir buchen?" zu "Was brauchen wir wirklich?".

Methoden der Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung

Welche Methode am besten passt, hängt von Unternehmensgröße, Datenlage und verfügbarer Zeit ab. Bewährt haben sich folgende Ansätze:

  • Mitarbeiterbefragungen und Fragebögen: Günstig und skalierbar. Sie ermitteln Selbsteinschätzungen zu vorhandenen und gewünschten Kompetenzen. Nachteil: Selbsteinschätzungen weichen häufig vom tatsächlichen Kompetenzstand ab.
  • Führungskräfte- und Mitarbeitergespräche: Geben direkten Einblick in die operative Realität. Nachteil: Qualität und Konsistenz variieren stark zwischen Abteilungen.
  • Kompetenzmodelle und Skill Assessments: Vergleichen den Ist-Stand mit definierten Soll-Profilen pro Rolle. Die präziseste Methode – setzt aber ein dokumentiertes Kompetenzmodell voraus.
  • Direkte Beobachtung: Eignet sich für operative Tätigkeiten und Prozessrollen. Aufwändig, aber liefert Erkenntnisse, die Selbsteinschätzungen nicht erfassen.
  • Auswertung von LMS- und HR-Daten: Lernabbruchquoten, Zertifikatsläufe, Performancedaten – diese zeigen Muster, die Befragungen allein nicht aufdecken.

In der Praxis kombinieren Unternehmen mehrere Methoden. Als Einstieg eignet sich ein Skill Assessment, das Soll- und Ist-Profil direkt gegenüberstellt – das liefert verwertbare Daten, ohne vorher ein großes Projektteam aufstellen zu müssen.

In vier Schritten zur Bedarfsanalyse

  • Schritt 1 – Unternehmensziele und Rollenanforderungen klären: Ausgangspunkt ist die Frage, welche strategischen Ziele das Unternehmen in den nächsten 12 bis 24 Monaten verfolgt. Daraus leiten sich die benötigten Kompetenzen ab – nicht umgekehrt.
  • Schritt 2 – Ist-Stand der Belegschaft erheben: Mit einer oder mehreren der genannten Methoden wird der aktuelle Kompetenzstand erfasst. Je strukturierter und rollenspezifischer die Erhebung, desto besser lassen sich die Ergebnisse auswerten.
  • Schritt 3 – Skills Gap identifizieren: Der Vergleich zwischen Soll und Ist ergibt den tatsächlichen Entwicklungsbedarf. Hier zeigt sich, wo Weiterbildung Priorität hat – und wo nicht.
  • Schritt 4 – Maßnahmen ableiten und priorisieren: Auf Basis der Lückenanalyse werden Maßnahmen geplant: Upskilling für bestehende Rollen, Reskilling für neue Anforderungen, oder Lernpfade über eine Lernplattform. Die Priorisierung orientiert sich am strategischen Nutzen und an der Dringlichkeit.

Bedarfsanalyse und Skill Management: Warum das eine ohne das andere nicht ausreicht

Eine einmalige Bedarfsanalyse ist ein guter Anfang – aber keine Dauerlösung. Kompetenzen veralten schnell: Laut Bitkom Weiterbildungsstudie 2024 sehen 74 Prozent der Befragten digitale und KI-Kompetenzen als wichtig für ihre berufliche Entwicklung an – ein Anstieg von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wer den Weiterbildungsbedarf nur alle zwei Jahre erhebt, arbeitet mit veralteten Daten.

Wirkungsvolles Skill Management macht die Bedarfsanalyse zum kontinuierlichen Prozess: Kompetenzprofile werden gepflegt, Lernpfade dynamisch angepasst, und der Skills Gap bleibt sichtbar. Ein LMS übernimmt dabei nicht nur die Kursverwaltung, sondern auch die Datenbasis: Lernfortschritte, Abschlüsse und Aktivitätsdaten fließen zurück in die Bedarfsanalyse und schließen den Kreislauf. Unternehmen, die beides verbinden, können Weiterbildungsbudgets gezielter einsetzen – und den Effekt messen, statt ihn zu schätzen.

Häufige Fragen zur Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung

Was ist eine Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung?

Eine Bedarfsanalyse in der Personalentwicklung ist der systematische Prozess, um festzustellen, welche Kompetenzen Mitarbeitende heute haben und welche sie für die Erreichung der Unternehmensziele künftig benötigen. Sie bildet die Grundlage für die Planung von Weiterbildungsmaßnahmen und Lernpfaden.

Wann sollte eine Bedarfsanalyse durchgeführt werden?

Eine Bedarfsanalyse sollte vor jeder größeren Weiterbildungsinitiative stattfinden – und idealerweise regelmäßig, mindestens einmal pro Jahr. Besondere Anlässe sind strategische Neuausrichtungen, neue Technologien, Restrukturierungen oder hohe Fluktuation in bestimmten Bereichen.

Was ist der Unterschied zwischen Bedarfsanalyse und Skill Assessment?

Ein Skill Assessment ist eine Methode innerhalb der Bedarfsanalyse. Es misst den aktuellen Kompetenzstand und vergleicht ihn mit dem Soll-Profil der jeweiligen Rolle. Die Bedarfsanalyse ist der übergeordnete Prozess, der Skill Assessments nutzt, um Weiterbildungsbedarf zu identifizieren und zu priorisieren.

Welche Methoden gibt es für eine Bedarfsanalyse?

Gängige Methoden sind: Mitarbeiterbefragungen, Führungskräftegespräche, Kompetenzmodelle mit Skill Assessments, direkte Beobachtung und die Auswertung von LMS-Daten. In der Praxis kombinieren Unternehmen häufig mehrere Methoden, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

Wie hängt die Bedarfsanalyse mit dem Skills Gap zusammen?

Der Skills Gap ist das direkte Ergebnis der Bedarfsanalyse: Er beschreibt die Differenz zwischen vorhandenen und benötigten Kompetenzen. Ohne eine systematische Bedarfsanalyse lässt sich der Skills Gap im Unternehmen nicht zuverlässig ermitteln – und gezielte Maßnahmen zur Schließung dieser Lücken sind nicht möglich.

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